Hashimoto – Das Chamälion der Schilddrüsenerkrankungen2018-08-30T18:44:20+00:00

Hashimoto-Thyreoiditis

Die Erkrankung wurde nach dem japanischen Pathologen und Chirurgen Hakaru Hashimoto (1881–1934) benannt, der sie als Erster beschrieb. Interessanterweise erschien seine Arbeit im Jahr 1912 zuerst auf Deutsch, da er einige Jahre in Berlin und Göttingen gearbeitet hat, bevor er, bedingt durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs, wieder nach Japan zurückkehrte.

Die Hashimoto-Thyreoiditis (Hashimoto-Entzündung) ist eine chronisch verlaufende Schilddrüsenentzündung, die meist zu einer Unterfunktion der Schilddrüse führt. Die Betroffenen haben eine familiäre Veranlagung, sodass sich in der Familie meist weitere Fälle finden.

Die Ursachen der Hashimoto-Thyreoiditis

Die genauen Faktoren, die zum Ausbruch einer Hashimoto-Thyreoiditis führen können, kennt man noch nicht vollständig. Stress, schwere Virusinfektionen oder Umweltfaktoren (z. B. hohe Zufuhr von Jodid durch Kontrastmittel) können das Immunsystem bei genetisch veranlagten Menschen stimulieren, sodass eine Entzündungsreaktion ausgelöst wird. Mutmaßlich ausgelöst durch einen Infekt bildet der Körper Abwehrstoffe gegen die eingedrungenen Viren. Diese passen aber auch auf Schilddrüsenzellen, so dass nicht nur die Eindringlinge zerstört werden, sondern auch das körpereigene Schilddrüsengewebe (Autoimmunerkrankung).
Es wird geschätzt, dass etwa 10% der deutschen Bevölkerung, hauptsächlich Frauen zwischen 20 und 60 Jahren, betroffen sind. Sie erkranken insgesamt etwa 8- bis 10-mal häufiger als Männer. Bis jetzt ist die Ursache der unterschiedlichen geschlechtsbezogenen Verteilung nicht bekannt.

Die Hashimoto-Thyreoiditis – der Verlauf

Die Hashimoto-Thyreoiditis kann sehr unterschiedlich verlaufen. Zu Beginn der Erkrankung zeigen sich manchmal kurzzeitig die Symptome einer Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose), weil durch den Untergang der Schilddrüsenzellen vermehrt Schilddrüsenhormone freigesetzt werden. Im weiteren Verlauf entwickelt sich eine Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose), weil die Schilddrüse vernarbt und weniger funktionsfähig ist. Die Hashimoto-Thyreoiditis verläuft oft schleichend. Das Allgemeinbefinden wird normalerweise zunächst nicht beeinträchtigt, eventuell zeigen sich die Anzeichen eines Virusinfektes. Die Erkrankung wird daher meist erst erkannt, wenn ein Großteil der Schilddrüsenzellen untergegangen ist und sich die Symptome der daraus resultierenden Schilddrüsenunterfunktion bemerkbar machen. Aufgrund der anfänglich schwach ausgeprägten und sehr unterschiedlichen Symptome kann es Jahre dauern, bis die richtige Diagnose gestellt wird. Wenn es zu einer Unterfunktion gekommen ist, besteht die Therapie in der Einnahme von Schilddrüsenhormonen. Nach der richtigen Einstellung mit Schilddrüsenhormonen können die meisten Patienten ein beschwerdefreies Leben führen.

Welche Symptome treten auf?

Hashimoto-Thyreoiditis und Schilddrüsenüberfunktion

Wie schon erwähnt, beginnt die Hashimoto-Thyreoiditis bei einigen Patienten mit Symptomen einer Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose). Durch den Entzündungsprozess gelangen vermehrt Schilddrüsenhormone aus den Zellen in den Blutkreislauf und es resultiert eine Überfunktion.
Dann können sich folgende Beschwerden zeigen:

  • Wärmeunverträglichkeit und warme, feuchte Haut
  • Haarausfall
  • Gewichtsabnahme bei gesteigertem Appetit
  • Nervosität, Schlafstörungen
  • Unruhe, Zittern
  • Häufiger Stuhlgang und Durchfall
  • Herzklopfen, evtl. Bluthochdruck
  • Zyklusstörungen, Potenzstörungen

Falls solche Symptome zu Anfang der Hashimoto-Thyreoiditis bestehen, verlaufen sie meist in einer milden Form und werden nicht mit der Krankheit in Verbindung gebracht. Bei einem Großteil der Patienten bleibt diese Phase aber ganz aus.

Hashimoto-Thyreoiditis und Schilddrüsenunterfunktion

Die Hashimoto-Thyreoiditis ist die häufigste Ursache für eine Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose). Durch die Entzündung und Zerstörung der Schilddrüsenzellen kommt es zu einer langsam einsetzenden, sich immer ausgeprägter entwickelnden Schilddrüsenunterfunktion.
Folgende Symptome machen sich bemerkbar:

  • Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Konzentrationsstörungen
  • Trockene, kühle Haut, blass und gelblich
  • Aufgedunsenes Gesicht, Hände und Füße
  • Struppiges Haar, Haarausfall, brüchige Nägel
  • Heisere Stimme, langsame Sprechweise
  • Verdickung der Zunge
  • Vergrößerte Schilddrüse
  • Gewichtszunahme
  • Langsame Reflexe
  • Kälteintoleranz, Frieren
  • Depression
  • Erhöhtes Schlafbedürfnis
  • Verstopfung
  • Zyklusstörungen
  • Muskelsteife und Muskelschmerzen

Besonders bei der Hashimoto-Entzündung können aber gleichzeitig Beschwerden aus der Überfunktion und Unterfunktion auftreten.

Hashimoto-Thyreoiditis und Geschlechtshormone

Die Schilddrüse hat auch einen Einfluss auf die Fruchtbarkeit. So besteht ein enger Zusammenhang zwischen der Steuerung der Schilddrüsen- und der weiblichen Geschlechtshormone.
Beide Regelkreise werden von denselben Bereichen des Gehirns gesteuert, nämlich von einem Teil des Zwischenhirns (Hypothalamus) und der Hirnanhangdrüse (Hypophyse).
Störungen des Schilddrüsenhormonhaushalts können sich somit auch auf den weiblichen Hormonhaushalt auswirken.
Folgende Beschwerden bzw. Störungen kann man beobachten:

  • Zyklusstörungen (verlängerte oder verkürzte Zyklen), verstärkte Blutungen, Zwischenblutungen oder Ausbleiben der Blutung
  • unerfüllter Kinderwunsch
  • Erhöhte Fehl- und Frühgeburtsrate
  • Kindliche Missbildungen

Bei Verdacht auf eine solche Störung sollten Sie Ihren Frauenarzt aufsuchen.

Mit der Normalisierung der Schilddrüsenfunktion reguliert sich normalerweise auch der weibliche Hormonhaushalt und mit ihm der Zyklus, sodass eine normale Fruchtbarkeit wiederhergestellt ist. Unabhängig von einem bestehenden Kinderwunsch sollten Sie jedoch in jedem Fall sicherstellen, dass Ihr Hormonhaushalt – sowohl der Schilddrüsen- als auch der Geschlechtshormone – wieder ins Gleichgewicht kommt.

Bei den natürlichen Phasen mit Hormonschwankungen ist auch häufiger die Schilddrüse zu überprüfen. So können Schilddrüsenerkankung die Beschwerden der Pubertät, Schwangerschaft und Wechseljahre beeinflussen. Und die wechselnden Sexualhormone haben Einfluss auf die Schilddrüsenerkankung.

Weitere Autoimmunerkrankungen

Die Hashimoto-Thyreoiditis ist eine Folge des aus der Balance geratenen Immunsystems, dass sich gegen körpereigene Organe richtet. Bei Patienten mit einer Autoimmunerkrankung können parallel auch andere Autoimmunerkrankungen vorliegen bzw. auftreten, z. B.:

  • Vitiligo (sog. Weißfleckenkrankheit)
  • Atrophische Gastritis mit Vitamin-B12-Mangel
  • Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit)
  • Morbus Addison (eine Erkrankung, die mit einer Fehlfunktion der Nebenniere einhergeht)
  • Alopecia areata (kreisrunder Haarausfall)
  • Rheumatische Beschwerden
  • Zöliakie/Sprue

Das bedeutet, dass man bei allen Autoimmunerkrankungen ebenfalls an die Autoimmunthyreoiditis denken muss und umgekehrt. Auch alle Allergien kommen häufiger bei Autoimmunerkrankungen vor und umgekehrt; bei Allergikern ist die Hashimoto-Thyreoiditis häufiger.

Wie wird die Diagnose gestellt?

In der Eingangsuntersuchung erstellt der Arzt zunächst einen klinischen Befund und nimmt Ihre Krankengeschichte auf. Er dokumentiert Ihre aktuellen Beschwerden, informiert sich nach anderen Erkrankungen und Medikamenten. Außerdem ist wichtig, ob in Ihrer Familie bereits Schilddrüsenerkrankungen vorgekommen sind.

Mit einer Ultraschalluntersuchung (Sonographie) stellt der Arzt die genaue Größe der Schilddrüse fest. Auch verändertes Gewebe kann er erkennen. Insbesondere eine echoarme Schilddrüse oder echoarme (im Ultraschall dunkle) Bereiche sind typisch und wegweisend für die Diagnose einer Hashimoto-Thyreoiditis.

Die Blutuntersuchung gibt Aufschluss über die Menge der Schilddrüsenhormone sowie wichtiger Botenstoffe im Blut. Im Fall der Unterfunktion bei der Hashimoto-Thyreoiditis kommt es im Verlauf der Erkrankung zu einer Verminderung der beiden Schilddrüsenhormone Trijodthyronin (T3) und Tetrajodthyronin (T4). Diese Hormone sind teilweise an Trägerstoffe gebunden, teilweise werden sie auch in freier Form im Blut transportiert (= fT3 und fT4). Der Arzt misst in der Regel die Menge der freien Hormone. Die Werte für das Hormon TSH (Thyreoidea-stimulierendes Hormon) sind aufgrund des Rückkopplungsmechanismus entsprechend erhöht: Die oben erwähnte Verminderung der Schilddrüsenhormone tritt meist erst in der Folge auf. Bevor es zu einer Hypothyreose kommt, lassen sich häufig schon spezielle Antikörper nachweisen. Im Fall der Hashimoto-Thyreoiditis liegen bei 90 % der Patienten sogenannte TPO-Antikörper vor. Diese Antikörper richten sich gegen ein bestimmtes Enzym der Schilddrüse, die Schilddrüsenperoxidase (abgekürzt TPO). TPO-Antikörper sind identisch mit der früher verwandten Abkürzung MAK (mikrosomale Antikörper). Bei etwa 50 % der Patienten liegen ebenfalls stark erhöhte Werte für die sogenannten Tg-Antikörper vor, die sich gegen ein von der Schilddrüse hergestelltes Protein richten, das Thyreoglobulin (abgekürzt Tg). Die Blutuntersuchung allein reicht oft für die Diagnose nicht aus, weil die Werte für die Antikörper sehr stark schwanken können. Für die Diagnose wegweisend ist neben dem Nachweis der genannten Antikörper die auffällige Echoarmut im Schilddrüsensonogramm.

Wie wird behandelt?

In manchen Fällen beginnt die Hashimoto-Thyreoiditis mit einer Überfunktion (Hyperthyreose). Zum Teil wird dann eine Therapie mit Schilddrüsenblockern zur Normalisierung der Stoffwechsellage durchgeführt. Engmaschige Blutkontrollen von TSH, fT3 und fT4 sind nötig, da die Überfunktion meist nur vorübergehend besteht. Wenn im Rahmen einer Hashimoto-Thyreoiditis später ein Hormonmangel (Hypothyreose) eingetreten ist, gilt es, diesen auszugleichen.

Die fehlende Menge an Schilddrüsenhormonen muss dann in Form von Tabletten eingenommen werden (T4-Präparat). Der Arzt bestimmt die richtige Dosis, abhängig von Ihren Symptomen und Untersuchungsergebnissen sowie Ihrem Alter und Gewicht. Die Therapie muss meist für den Rest des Lebens beibehalten werden und darf nicht unterbrochen werden, da sich sonst schnell wieder ein Hormonmangel einstellt. Bei einer regelmäßigen Einnahme der Schilddrüsenhormone können die meisten Patienten mit Hashimoto-Thyreoiditis beschwerdefrei leben. Bei der täglichen Einnahme des Schilddrüsenhormons in der richtigen Dosierung sind keine Nebenwirkungen zu befürchten, denn die Tabletten gleichen nur den natürlichen Mangel in Ihrem Körper aus. Es wird normalerweise mit der Gabe geringer Mengen von Schilddrüsenhormonen begonnen, um die Dosis dann langsam zu steigern. Es ist wichtig, den Hormonspiegel (TSH) lebenslang regelmäßig zu kontrollieren – zu Beginn der Therapie alle 4 bis 6 Wochen, nach erfolgreicher Einstellung 1- bis 2-mal im Jahr. Eine Behandlung mit Schilddrüsenhormonen muss auch während der Schwangerschaft oder Stillzeit weitergeführt und gegebenenfalls angepasst werden.

Ein neuer möglicher Therapieansatz ist eine Einnahme von Selen. Selen ist wie Jodid ein essenzielles Spurenelement. Selen schützt die Schilddrüsenzellen vor Sauerstoffradikalen, die ständig in der Schilddrüse gebildet werden, und verbessert die Funktionsfähigkeit des Immunsystems. Selen vermag offensichtlich den chronischen Entzündungsprozess in der Schilddrüse einzudämmen und Beschwerden zu lindern. Die Studien ergaben, dass eine tägliche Gabe von 200µg Selen (100-300µg) sinnvoll ist. Es besteht im Blut kein Selenmangel, deshalb lässt sich die Notwendigkeit der Therapie und die Wirkung nicht durch eine Blutuntersuchung feststellen.

Eine weitere Therapiemöglichkeit ist es die Kombination von zwei Schilddrüsenhormonen einzunehmen (T4 und T3). Auch hierunter werden einige Patienten beschwerdefrei.

Hashimoto und Operation

Eine Operation der Schilddrüse wird bei der Hashimoto-Thyreoiditis nur selten vorgenommen. Nur bei Verdacht auf eine bösartige Erkrankung, bei einem sehr störenden Schilddrüsenwachstum oder bei schweren Krankheitsverläufen wird die Schilddrüse operativ teilweise oder ganz entfernt.

Hashimoto-Thyreoiditis und Jod

Schilddrüsenhormone regen den Stoffwechsel an und können eine Gewichtsabnahme bedingen. Andererseits können sie auch den Appetit steigern. Bei normaler Nahrungsaufnahme dürfte das Körpergewicht stabil bleiben. Um eine ausreichende Versorgung mit Jodid zu gewährleisten, wird im Allgemeinen eine ausgewogene Ernährung empfohlen. Auch Patienten mit Hashimoto-Thyreoiditis können Jodsalz verwenden und Fisch essen. Die Erkrankung kann durch die in der Nahrung enthaltene Menge an Jod nicht beeinflusst werden. Bei einem Jodgehalt von ca. 20mg pro Kilogramm Salz errechnen sich in einer Prise (ca. 0.04g) ein Jodgehalt von 0.8µg Jod pro Prise. Aus der Nahrung nehmen wir mindestens das 100-fache täglich auf.

Von Jodtabletten oder Kombinationspräparaten von Jod und Schilddrüsenhormonen ist jedoch abzuraten, da die Jodidaufnahme der entzündeten Schilddrüse blockiert ist und möglicherweise Jodid in hohen Dosen (mehr als 500 μg) zu einer verstärkten Entzündung führen kann.

Eine Ausnahme hiervon bilden Schwangere und stillende Frauen. Sie haben einen erhöhten Jodbedarf, da sie auch das Kind mit Jod versorgen müssen. Ein Jodmangel kann beim ungeborenen Kind und beim Säugling schwerwiegende Entwicklungsstörungen verursachen. Wie andere Frauen in der Schwangerschaft sollten Patientinnen mit Hashimoto-Thyreoiditis regelmäßig Seefisch essen, viel Milch trinken und jodiertes Speisesalz verwenden. Um eine ausreichende Jodversorgung zu gewährleisten, ist zudem die tägliche Einnahme von Jodidtabletten notwendig. Wenn keine Beschwerden oder Anzeichen für eine Entzündung vorliegen, sollten täglich 100 μg Jod eingenommen werden.

Hashimoto und andauernde Beschwerden

Aus neueren Untersuchungen wissen wir, dass viele Patienten trotz guter medikamentöser Einstellung unter Beschwerden leiden. Häufig sind Müdigkeit, Leistungsminderung, Antriebsminderung, Gewichtsprobleme ständige Begleiter der Erkrankung. Gerade junge Frauen leiden vermehrt unter diesen Symptomen.

Quelle: beim Verfasser